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Museum Tinguely Basel

Ein Museum berührt

Einführung


Ausgangslage

Gebäude und deren architektonische Qualität prägen das Bild einer Stadt und bestimmen den Charakter eines Ortes in hohem Masse. Ihre Schönheit und Originalität vermögen die Gemüter ihrer Bewohner stets aufs Neue zu erfreuen und anzuregen. Sehbehinderte nehmen die sie umgebenden Räume mit Hilfe des einfallenden Lichts und der Geräusche wahr. Durch Berührungen verschaffen sie sich einen Eindruck der Grösse und der Materialität. Wie aber ist der architektonische Körper zu erfahren, die Hülle, die uns alle umgibt, die den Aussenraum vom Innenraum trennt? Ist er doch zu gross und auch zu komplex, ihn zu erfassen. Wie sehen die meist selbst bereits zu Kunstwerken zählenden, jüngeren Museumsbauten aus, die von Stararchitekten eigens für die darin aufzubewahrenden Exponate entworfen worden sind und die sich möglichst nahtlos und durchdacht in die Umgebung einzufügen suchen? Haben die jeweiligen Architekten das formulierte, hoch gesteckte Ziel erreicht, über Gebäude in Dialog mit den Werken der Künstler zu treten? Mit unserem Projekt möchten wir Sehbehinderten die Möglichkeit bieten, auf eigene Faust ihr Bild des Baus des Museum Tinguely zu erweitern und möchten sie dadurch bei der Auseinandersetzung mit Architekturfragen unterstützen.
Wesstfassade
Westfassade Museum Tinguely
La Barca vom gegenüberliegenden Rheinufer fotografiert
La Barca vom gegenüber liegenden Rheinufer fotografiert

Kurzbeschreibung

Der Eisenplastiker Jean-Marc Gaillard erhielt den Auftrag, ein Modell des Museum Tinguely im ungefähren Massstab 1:100 anzufertigen, welches erlebt und berührt, betastet und auch betrachtet werden darf. Es wird prominent im Aussenbereich des Museums, unmittelbar beim Eingang dauerhaft montiert sein und dadurch einen Dialog zum realen Bauwerk und zu allen Besuchern eröffnen.
Jean-Marc Gaillard

Überlegungen zum Bauwerk

Das Museum belegt die gesamte Ostflanke des Solitude-Parks. Die vier Fassaden des Gebäudes stellen eine jeweils unterschiedliche räumliche Beziehung zur Umgebung her. Die hoch aufragende, fensterlose Fassade an der Autobahnseite im Osten schafft eine Lärmschutzbarriere zur Grünfläche hin. Bei der parallel zur Grenzacherstrasse verlaufenden Nordfassade des Gebäudes bietet ein überdachter Raum geschützten Zugang zu Park und Museum. Auf der zum historischen Solitude-Park gerichteten Seite besteht das Museum aus fünf Schiffen, von denen drei zum Grünen hin vollständig verglast sind. Die beiden äusseren werden von halbrunden Treppentürmen abgeschlossen.
Grenzacherstrasse
Grenzacherstrasse

Treppenturm an der Grenzacherstrasse
Treppenturm an der Grenzacherstrasse
Übergang La Barca zum Hauptkörper, rheinseitig
Übergang von La Barca zum Hauptkörper, rheinseitig
Die zum Rhein weisende Südseite stellt eine architektonische Besonderheit dar: eine lang gestreckte, erhöhte Konstruktion, die vom Hauptkörper losgelöst ist: "la Barca", eine aufsteigende, geschwungene, vollständig verglaste Aussenrampe, die in ihrer Formgebung an eine vergrösserte Hälfte eines "Weidligs" erinnert.
Blick vom Modell gegen den Eingang
unter den Arkaden (noch vor der Installation des Modells)
Blick vom Modell gegen den Eingang
Blick vom Modell gegen den Eingang
Treppentürme rheinwärts
Treppentürme rheinwärts
Der Bau des Museum Tinguely scheint also mit seinen vier verschiedenen Fassaden, seinem Wechselspiel von runden und eckigen Formen und seinen spielerischen Finessen haptische Erfahrungen geradezu einzufordern.

Zielgruppe

Das Architekturmodell ist für alle gleichermassen faszinierend, schön und lehrreich - ob gross, ob klein, ob Rollstuhlfahrer oder Fussgänger, ob sehbehindert oder sehend. Dementsprechend heterogen ist die Zielgruppe. Um besonders den Bedürfnissen der Sehbehinderten gerecht zu werden, wurde das Gespräch mit Markus Feer gesucht, dem SBV-Sektionspräsidenten Nordwestschweiz, der uns unermüdlich zur Seite stand und unsere Fragen betreffend optimaler Umsetzung geduldig und freundlich beantwortete.

Material

Da Jean Tinguely eine besondere Affinität zum Werkstoff Metall besass, haben wir uns nach Rücksprache mit Herrn Feer dafür entschieden, das Modell in Stahlblech anfertigen zu lassen. Die Besucher dürfen am Modell der haptischen Verführung nach Herzenslust nachgeben und lernen so das Material kennen, aus dem fast alle Maschinen im Innern des Museums gebaut sind. Wir freuen uns sehr, im Eisenplastiker und früheren Mitarbeiter Jean Tinguelys, Jean-Marc Gaillard, einen Verbündeten für dieses Projekt gefunden zu haben. Seine handwerklichen und gestalterischen Fähigkeiten werden das flache Stahlblech in ein geschmeidiges dreidimensionales Modell verwandeln. Je mehr Leute das Modell anfassen, desto polierter wird die Oberfläche - endlich ein Kunstwerk, das berührt werden darf und an dessen Vollendung jeder teilhaben kann.

Grösse

Von Seiten der Sehbehinderten wurde der Wunsch geäussert, dass das ganze Modells von einem Standort aus abtastbar sei. Die Höhe des Modells sollte sich für Kinder, Rollstuhlfahrer und erwachsene Fussgänger gleichermassen eignen. Bei der Beantwortung dieser Frage stand uns neben Herr Feer (SBV) auch Beat Ramseyer (museumssterne***) hilfreich zur Seite.

Die Grösse des Modells wurde unter Berücksichtigung dieser verschiedener Aspekte eruiert und auf 23 cm Höhe x 70 cm Breite x 85 cm Länge festgelegt. Die Höhe des tischförmigen Sockels wurde auf 85 cm bemessen, damit die Unterfahrbarkeit mit Rollstühlen gewährleistet ist.

Information

Zuviel zusätzliche Information am Modell selbst ist ihm nicht zuträglich und würde es in seiner Wirkung eher schwächen denn stärken. So werden auf dem Objekt lediglich ein, zwei Sätze stehen; diese sowohl in Braille- und als auch Buchstabenschrift. Um den Informationsgewinn so präzise und so einfach wie möglich zu halten, entspricht die Ausrichtung der Eisenplastik derjenigen des Museumsgebäudes. Ein in das Modell integriertes Modell des Modells funktioniert zugleich als Standortmarkierung für den Betrachter und als Hinweis zur richtigen Einschätzung der Grössenverhältnisse.

Permanenter Ausstellungsort

Das Modell ist ab Ende September 2007 jederzeit der Öffentlichkeit zugänglich. So wird es, geschützt vor Wind und Wetter, unter dem Portikus, in unmittelbarer Nähe zum Eingang stehen.

Das Modell steht ca. 2 Meter vor der mittleren Tafel.
Standort vor Eingang

Öffentlichkeitsarbeit

Durch seinen prominenten Standort auf der Hauptachse zum Museumseingang wird das Modell stets Aufmerksamkeit auf sich ziehen und so bei jedem Streifzug des Besuchers durch und um das Museum unweigerlich in den Blickpunkt des Interesses rücken. Ab September wird auf unserer Homepage www.tinguely.ch auf das Modell hingewiesen. Die Roche-Nachrichten (Auflage 19'000 Exemplare) werden in der Dezemberausgabe 2007 dem Projekt "Ein Museum berührt" einen ganz- oder gar einen doppelseitigen Bericht widmen. Zudem hat sich unser Künstler ausdrücklich bereit erklärt, bei genügendem Interesse, bei einem kleinen Apéro über den Gestaltungsprozesszu berichten.

Kontakt

Kunstvermittlung Museum Tinguely
Lilian Steinle-Schmidt und Beat Klein
Paul Sacher-Anlage 1
Postfach 3255, 4002 Basel
Tel. 061 688 92 70 (Direktwahl)

Mail Lilian Steinle-Schmidt
Mail Beat Klein

Jean-Marc Gaillard
Eisenplastiker
Courroux
Tel. 032 422 41 80
Mail

Zielsetzung


Zielformulierung

Unser Anliegen ist es, Menschen mit Sehbeeinträchtigungen eine Möglichkeit zu bieten, das Museum Tinguely als komplexes Ausstellungsgebäude, samt seiner Grössenverhältnisse und seines Bezugs auf die unmittelbare Umgebung selbstständig zu erfassen und zu erfahren. Das Modell erweitert das Wahrnehmungsspektrum und erlaubt es, sich ohne fremde - und damit bereits gefilterte und wertende - Beschreibungen eine eigene Meinung über die Gestaltung des Museumsgebäudes zu bilden. Gleichermassen bietet es den Sehenden zusätzliche Erkenntnisse zur Formgebung des Hauses und führt an museumsarchitektonische Kniffe heran, die von blossem Auge nicht erkennbar sind, wie z.B. die tief eingelassenen Dachfenster. So entstehen spannende Gespräche zwischen den Besuchern. Ebenso gut vorstellbar erscheint es, dass die Brailleschrift am Modell Aufmerksamkeit erregt und Eltern oder Lehrer dazu ermutigt, den Kindern die Funktionsweise dieser Schrift in groben Zügen zu erläutern. Das realisierte Projekt baut Brücken, erinnert Sehende an Sehbehinderte und fördert die Kommunikation und Sensibilität und ergänzt die Wahrnehmung aller.

Wunschträume

Das vorliegende Projekt ist museums- bzw. hausübergreifend umsetzbar. Man stelle sich vor: andere Institutionen würden diesen Gedanken aufnehmen, sodass vor jedem wichtigen Gebäude der Stadt ein Modell stünde. Es entwickelte sich eine Art Zweitwelt, ein architektonischer Parcours, der sich wie ein roter Faden durch die Stadt zieht und Basel oder andere Städte für Sehende wie für Sehbehinderte differenzierter und anders erfahr- und erlebbar werden liesse!

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